Olvenstedt probierts!
Olvenstedt probierts!
Der konzeptionelle Grundeinfall besteht in der Erfindung einer engagierten Amateur-Theater-Gruppe, die sich in jeder Folge an einem Klassiker der Theaterliteratur versucht - und regelmäßig großartig an ihm scheitert.
Der Ort der Handlung ist eine Neubauwohnung im bekannten Magdeburger Stadtteil Neu-Olvenstedt oder ein Zeltplatz am nicht weniger bekannten Naherholungsflüsschen Ehle.
Leiter der Gruppe ist Sebastian Wiese, ein seit der politischen Wende in Magdeburg tätiger Sozialarbeiter aus Hannover, der dort (angeblich) große Erfahrungen und Meriten in der freien Theater-Szene erworben hat, die er nun uneigennützig an die Menschen in seinem Wirkungskreis weitergeben möchte.
Seine Mitstreiter sind seine singende Lebensgefährtin Beate Braune sowie das im selbigen Hauseingang wohnende Ehepaar Renate und Joachim Sommer.
Ergänzt wird die Gruppe um Frank Giericke, einen weiteren Nachbarn und Freund Joachim, um Veronica Graf, einer Zeltplatzbekanntschaft aller , sowie nach Bedarf um weitere Miglieder der Hausgemeinschaft oder Zeltplatzgemeinde.
In dieser sparsamen Besetzung werden noch die aufwendigsten Stücke mit überraschenden und aberwitzigen konzeptionellen Lösungen spielbar gemacht. Darüber hinaus werden die Stücke auf ihre Bedeutung fü;r genau diese Zeit und genau diese Region hin untersucht - mit dem Ergebnis, dass sich stets ein absolut zwingender Bezug findet. Schließlich besteht das Ziel der gemeinsamen Arbeit und einer jeden Aufführung darin, mit den weit verbreiteten Klischees über diese Region ein f&ür allemal aufzuräumen - was zum einen nie wirklich gelingt und zum anderen stets spätestens am Desinteresse des Publikums scheitert.
Die Fertigstellung einer solchen Inszenierung von der Konzeption bis zur Generalprobe bildet in jeder Folge den roten Faden, die "Überaufgabe".
Unterbrochen wird die Probenarbeit dabei nicht nur durch persönliche Befindlichkeiten, sondern immer wieder auch durch ein nachhaltiges Infragestellen der Grundkonzeption.
Der Leiter und Regisseur Sebastian Wiese möchte Theater für "die Menschen hier", für "die gebeutelte Region" machen - seine Mitstreiter aber sind die Bewohner dieser Region und stellen seine Ansätze (nicht zuletzt infolge seiner Herkunft und Sozialität) immer wieder entwaffnend in Frage. Deshalb wird der Diskurs über Shahespeare, Beckett oder Sophokles immer wieder zu einer Bestandsaufnahme regionaler Zustände und Befindlichkeiten, mit denen sich das Publikum bestens auskennt.
Die Komik entsteht im Zusammenprall von Theorie und Praxis, von Vision und Realität, von politischer Illusion und politischer Desillusionierung - sie entsteht, indem sich die Kunst am Leben reibt.
Die Theaterserie "Ovenstedt probierts!" lief von 1998 bis 2000 an den Freien Kammerspielen in Magdeburg und hat sich, wie die stets ausverkauften Vorstellungen mit fast 15.000 Zuschauern und das breite Presseecho bewiesen, eine große und zuverlässige Resonanz erarbeitet. Die Serie hat in ihrer identitätsstiftenden Verbindung von lokaler Verankerung und hoher Theaterkultur absoluten Modellcharakter und war deutschlandweit das erste Projekt dieser Art. Sie hat neben lokalem Erfolg auch überregional sowohl starke Beachtung als auch Nachahmer gefunden.
Im August 2002 gab es auf unsere Initiative und mit Unterstützung privater Förderer eine einmalige Wiederbelebung.
Diese 11. Folge hatte bewiesen, dass das Publikum der Serie auch weiterhin die Treue hält, so dass wir uns gemeinsam mit den beteiligten Künstlern entschlossen hatten, die Serie fortzusetzen. Dies ist mit der zwölften Folge 2006 und der dreizehnten Folge 2007 eindrucksvoll und nachhaltig gelungen.
Ziel der Wiederbelebung und Weiterführung war und ist die dauerhafte Einrichtung einer einzigartigen Institution regionalen Volkstheaters mit überregionaler Ausstrahlung.
Zwei ausgewählte Zitate mögen dies belegen.
"Olvenstedt probierts!" ist ein zeitgenössisches Volkstheater, das soziale Gegenwartsproblematik grell und respektlos aufs Korn nimmt" - THEATER DER ZEIT
"So ein Theater hebt das städtische Image und Selbstbewusstsein!Ganz ohne markig-platte Slogans" -MAGDEBURGER VOLKSSTIMME